Die Bürgerenergiewende

Ein Plädoyer für die Bürgerenergiewende von Physikingenieurin und Energiebloggerin Tina Ternus.

 

Der Begriff Energiewende wurde erstmalig in den 80er Jahren formuliert mit dem Buch des Öko-Instituts „Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“. Die wissenschaftliche Prognose zeigte Szenarien auf, in der wirtschaftliche Entwicklung auch ohne stetig steigenden Verbrauch von Kohle, Erdöl, Erdgas und Uran möglich ist. Energieeffizienz in Kombination mit dem Einsatz Erneuerbarer Energien, wie Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Geothermie wurde Lösungsmodell für die langfristige Senkung des Energiebedarfs und Ressourcenimports. Seit den 80er Jahren wurden diese Szenarien in viele konkrete Konzepte, Planungen und Projekte umgewandelt, um zu zeigen, dass die Ursprungsidee in die Realität überführt werden kann.

Jeder ist für die Energiewende…?

Seit dem Atomunfall in Fukushima und dem danach folgendem Atom-Moratorium 2011 ist das Wort Energiewende in aller Munde. Das Ziel Energiewende wird in der öffentlichen Debatte seit der Kehrtwende der schwarz-gelben Regierung, die wenige Monate zuvor noch die Laufzeitverlängerung von altersschwachen Alt-AKWs beschlossen hatte, als breiter Konsens kommuniziert. Jeder scheint – zumindest in Worten – dafür zu sein. Nicht mehr nur die Atomausstiegs- und Umweltinitiativen, sondern alle Parteien jeglicher Couleurs. Selbst die großen Energiekonzerne e.on oder RWE, die real trotz der Bevorzugung der Politik für Offshore an der deutschen Energiewende zusammen mit EnBW und Vattenfall nur 5% an der Erzeugung erneuerbaren Stroms beitragen, präsentieren sich in Imagefilmen, als hätten sie die Energiewende erfunden und allein auf die Füße gestellt.

Wie glaubhaft ist das? Wie glaubhaft ist es, dass große Aktiengesellschaften, die zusammen bis Ende 2013 in sechs Gigawatt neue Kohlekraftwerke investiert haben und mit steuerlich abgeschriebenen Atomkraftwerken etwa 1 Million Euro pro Tag verdienen können, sofort umsteuern und die Energiewende zügig vorantreiben? Wir haben es nicht mit Staatsbetrieben zu tun, sondern seit der Liberalisierung des deutschen Strommarktes mit börsennotierten, privaten Aktiengesellschaften. Private Aktiengesellschaften sind ihren Aktionären verpflichtet, das unternehmerische Ziel einer privaten Aktiengesellschaft ist die Gewinnmaximierung.

Betrachten wir z.B. die RWE AG. Die Anteilseigner der RWE AG setzen sich aus 59% institutioneller Investoren zusammen, 25% Kommunaler Aktionäre (VKA), 13% Privataktionäre und 1% Belegschaftsaktionären. Der größte Part der Anteilseigner sind somit nicht Kommunen, sondern mit 59% institutionelle Investoren, wie Kreditinstitute, Investmentgesellschaften, Fonds, Versicherungen etc. Um einen Eindruck zu bekommen, wer diese institutionelle Investoren sind: Einer der größten Anteilseigner ist z.B. die BlackRock Financial Management, ein amerikanisches Finanzunternehmen, das zu den weltgrößten Vermögensverwaltern gehört. Der zweitgrößte institutionelle Investor ist die britische Investmentgesellschaft Mondrian Investment Partners.

Die fossil-atomare Energiewirtschaft und die Energiewende

Wie groß mag wohl das Interesse eines amerikanischen oder britischen Finanzunternehmens sein, die deutsche Energiewende voranzutreiben, Investitionen in neue Kohlekraftwerke, die sich in den nächsten Jahren refinanzieren sollen, als „stranded investment“ in den Sand zu setzen und sich vom Goldesel „Atomkraftwerk“ endgültig zu verabschieden? Zumal Großbritannien für Investoren in AKWs attraktive Möglichkeiten aufzeigt, wie es auch gehen kann – wenn die Regierung nur mitmacht? Warum also Energiewende?

Eine zügig vorangetriebene, stark wachsende Energiewende durch die Energieunternehmen, die gleichzeitig mit Atom- und Kohlestrom ihr Geld verdienen, ist ähnlich wahrscheinlich, wie ein Aufruf der Metzgerinnung zum weltweiten Vegetarismus.

Erst dann, wenn die Ressourcen so teuer sind, dass der Betrieb von bereits steuerlich abgeschriebenen konventionellen Kraftwerken trotz aller fossil-atomarer Subventionen unwirtschaftlicher ist als die Errichtung von neuen Erneuerbare Energien Anlagen, macht es für große international agierende Energie-Aktiengesellschaften ökonomisch Sinn, auch im richtig großen Stil umzuschwenken. Solange die eigenen Strukturen noch nicht stehen, den Markt zu übernehmen, wenn es die Rahmenbedingungen erfordern, gilt Verzögerungstaktik und langsames Herantasten und Strukturaufbau für die neuen Märkte.

Gleichzeitig ist es, um das Ziel der Gewinnmaximierung im Sinne der Aktionäre erreichen zu können, eine ökonomische Notwendigkeit, Konkurrenz abzuwehren und schwindende Marktanteile zu verhindern oder zurück zu erobern.

Erneuerbare Energien sind dezentral

Erneuerbare Energien treffen dezentral auf die Erde, sind dezentral verteilt, daher ist es nicht zielführend, diese mit herkömmlicher zentraler Großkraftwerkstechnik mit nur sehr wenigen Kraftwerken zu nutzen. Der Flächenbedarf eines einzelnen Kraftwerks wäre viel zu hoch. Dezentral verteilte Energie muss entsprechend auch dezentral gesammelt werden, was gleichzeitig einen Systemwandel mit sich bringt. Weg von zentralen atomar-fossilen Großkraftwerken hin zu vielen dezentralen, erneuerbaren, kleineren Kraftwerken.

„Der Wechsel zu hundert Prozent erneuerbaren Energien bedeutet den umfassendsten wirtschaftlichen Strukturwandel seit Beginn des Industriezeitalters“, schrieb Hermann Scheer in seinem letzten Buch „energethischer Imperativ“. Der Autor zeigte an vielen Beispielen, dass und wie frühere Strukturwandel viel rascher organisiert wurden als die Vertreter und Verfechter alter Strukturen dies wünschten und sich vorstellten: Beim Bau der Eisenbahnen, bei der Automobilität oder bei der IT-Revolution seit 1985.

Hermann Scheer betonte seit Jahren, dass ein grundlegender Wandel immer von neuen Akteuren kommt und nicht von den Akteuren, die das alte, bestehende System verteidigen und Bestandsschutz betreiben.

In der Tat. Es waren nicht die Kerzenmacher, die die Entwicklung des elektrischen Lichts vorantrieben und nicht die Droschkenkutscher, die zum Siegeszug des Automobils beitrugen. Auch in neuerer Geschichte waren es nicht Agfa oder Kodak, die der Digitalfotografie zum Durchbruch verhalfen, sondern andere Akteure als die Rollfilmproduzenten selbst.

Wer stemmte die bisherige Energiewende?

Stand April 2013 hatten die großen vier Energiekonzerne nur einen Anteil von 5% der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien, die Ende 2012 bereits 23% des deutschen Strom-Mixes ausmachten.

Akteure der bisherigen Energiewende sind Andere. „Der Weg zu einer sicheren, klimafreundlichen und ökologischen Energieversorgung liegt in dezentralen Strukturen: in den Händen der Bürgerinnen und Bürger! Überall dort, wo sie mitentscheiden und auch mitverdienen, gibt es die größte Akzeptanz und die größte Dynamik beim Umbau des Energiesystems“ steht in der Charta der Initiative „Die Wende – Energie in Bürgerhand“.

47% des Ökostroms wurde 2012 von Privatpersonen und Landwirten, 14% von mittelständischem Gewerbe, 7% von kommunalen und regionalen Energieversorgern erzeugt. Der Rest wurde von Fonds, Banken und Projektierern umgesetzt, die 2012 bei der Photovoltaik aufgrund der bevorzugten Regelung, bzw. Sonderfrist für Solarparks bei der EEG Novelle 2012 eine starke Rolle beim Zubau spielten, was aufgrund der unrentablen Situation für große Solarparks im Jahr 2013 anders ausfallen wird.

Zur Bürgerenergie zählen nicht nur Hausbesitzer oder Mittelständler mit Solardach, der Landwirt mit einer Biogasanlage, Mitglieder einer Energiegenossenschaft oder Bürger, die zusammen mit Unterstützung der örtlichen Sparkasse Windräder vor Ort oder eine Solaranlage auf einer Schule installieren. Bei der Energiewende in Bürgerhand spielen vor allem auch die Kommunen und örtlichen Stadtwerke und Regionalversorger in öffentlicher Hand eine zentrale Rolle, von denen bereits immer mehr im Bereich der Erneuerbaren Energien aktiv wurden und sich miteinander vernetzen. Stadtwerke können im Gegensatz zu den großen Energieversorgern durch ihre Struktur einfacher die Verbindung zwischen Verteilung und Erzeugung herstellen. Sie sind dicht an den Bürgern vor Ort und genießen ein hohes Vertrauen.

Demokratisierung der Energieversorgung und das EEG

Unsere Energielandschaft hat sich verändert. Das kann jeder sehen, der durch Deutschland reist. Der energieblogger Craig Morris beschreibt uns in seinem Film „Welcome to the Energiewende“ das Phänomen „energy democracy“ aus seiner Sicht als Amerikaner. In Form einer Energie-Reise mit seinen beiden Kindern zeigt er uns Deutschen auf charmante Weise, wie viele Menschen an diesem Wandel bereits teilhaben.

Schlüssel zu diesem Wandel wurde das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), das im Jahr 2000 in Kraft trat. Die Grundidee des EEGs ist, dass Strom aus Erneuerbaren Energien Vorrang erhält und Bürger, die bereit sind, in Erneuerbare Energie Anlagen zu investieren, in Form einer Einspeisevergütung ebenso Investitionssicherheit erhalten, wie dies in der konventionellen Stromerzeugung schon immer eine Selbstverständlichkeit ist. Allerdings mit dem Unterschied, dass ein wirtschaftlicher Gewinn, den die Privatanlagen erzielen, weit unter dem liegt, was in der konventionellen Stromerzeugung erzielt und erwartet wird. RWE hatte 2012 trotz wachsender Schwierigkeiten z.B. noch eine Umsatzrendite von 30%, die durchschnittliche interne Verzinsung einer PV-Anlage auf einem Einfamilienhaus hingegen liegt bei 5%. Unter der Voraussetzung, dass die Anlage 20 Jahre störungsfrei läuft.

Gleichzeitig werden durch das EEG Geldströme umgelenkt und regionale Wertschöpfung gestärkt, da eine große Vielzahl von regionalen Kraftwerken von einer Vielzahl regionaler Handwerker errichtet wird und dieses Geld in der Region bleibt. Auch bei Einsatz von z.B. ausländischen Solarmodulen überwiegt entgegen gängiger Thesen („an der Solarenergie verdienen nur die Chinesen“) immer noch die regionale Wertschöpfung, da die Solarmodule nur ein Teil sind, Untergestell, Wechselrichter, Planung, Montage etc. sind weiterhin inländisch.

Das EEG steht seit Antritt der schwarz-gelben Bundesregierung, sowie den aktuellen schwarz-roten Koalitionsverhandlungen nur noch unter einem Aspekt in der medialen Debatte:

Kosten!

Ungeachtet der Tatsache, dass die EEG-Umlage zu 60% von den EEG-Gegnern selbst politisch aufgebläht wurde (Video min 06:22), ungeachtet der Tatsache, dass die Stromkosten am Konsumbudget etwa nur 2,5% ausmachen und auch ungeachtet der Tatsache, dass der Löwenanteil an Energie mit 82% bei Heizung und Warmwasser liegt und nicht bei Strom für Elektrogeräte und Heizung und Warmwasser überwiegend über Gas/Öl bereitgestellt wird.

Der lange Kampf gegen die Bürgerenergiewende

Die Bürgerenergiewende wird länger bekämpft und versucht zu verhindern, als es das EEG bereits gibt. In den 90er Jahren wurden die Erneuerbaren kleingeredet und behauptet, dass sie nie einen Anteil von mehr als 4% in der Stromerzeugung erreichen könnten. Bundeskanzlerin Merkel, damals Umweltministerin stand ebenfalls fest zu dieser Aussage der Stromwirtschaft. Heute sind wir (Stand Ende 2012 als letzte offizielle Angabe) bei 23% Anteil am Strom-Mix.
Ein ebenfalls verbreitetes Argument war, dass Solarstrom viel zu teuer sei. Das brachte die absurde Situation mit sich, dass jeder, der Photovoltaik kaum schreiben konnte eines wusste: „Solarenergie ist zu teuer“. Auf die Nachfrage, wie teuer denn, sprich wie viel DM/Euro pro kWp folgte in der Regel Schulterzucken. Doch auch diese Diskussion wurde durch rasant gesunkene Preise von der Wirklichkeit überholt.

Da die alten Gegenargumente (Sonne und Wind sind technisch nicht ausgereift, will keiner, ist viel zu teuer, verschandelt die Landschaft etc.) angesichts der starken Verbreitung und Beliebtheit, sowie gefallener Preise nicht aufrechtzuerhalten waren und auch der juristische Weg gegen das EEG scheiterte, kam der Diskussion um die EEG-Umlage als „letzte Bastion“ der EEG-Gegner eine besondere Bedeutung zu. In Form der Ausgleichsmechanismusverordnung (Beschluss Juli 2009) wurde dem Anstieg der EEG-Umlage noch mal ordentlich nachgeholfen. Energie Journalist Udo Leuschner schrieb hierzu bereits 2010: „Die EEG-Umlage: eine reelle Belastung (für den Verbraucher), die nicht real zustande kommt“.

Das Ergebnis der beiden politischen Aufblähungsinstrumente Ausgleichsmechanismusverordnung und Industrieausnahmen ist, dass sich die EEG-Umlage seit 2009 bis heute mittlerweile weit mehr als vervierfacht hat, obwohl sie sich nach alter Berechnungsmethode und ohne die Industrieausnahmenerweiterung nur verdoppelt hätte trotz sehr vieler neuer EE-Anlagen. Parallel dazu wurde seit Antritt von schwarz-gelb und auch in verschiedenen Printmedien zuvor massives agenda-setting betrieben. Die Schlagzeile „planloser Zubau von Wind und Solar lässt Strompreise explodieren und Geringverdiener im Dunkeln und Kalten sitzen“ wurde zum Dauermantra in allen Zeitungen und Talkshows. Interessanterweise stoßen hierbei diejenigen, die selbst für die 60% Aufblähung der EEG-Umlage gesorgt haben, am lautesten in dieses Horn und durchlaufen Diskutanten im Rahmen der Energiewende- und Strompreisdiskussionen eine interessante Wandlung vom Wirtschaftsliberalen, der Sozialabbau fordert, Mindestlohn ablehnt, Zeitarbeit und befristete Arbeitsverträge ausdehnen will, zur plötzlichen Mutter Teresa der Geringverdiener.

Geht es um die Energiewende oder darum, wer an ihr verdient?

Inzwischen wird unisono eine EEG-Reform gefordert. Es gibt eine Vielzahl an Vorschlägen. Die meisten kommen von Wirtschaftsverbänden, die sich vehement für die Abschaffung des EEGs und Investitionssicherheit für Bürger einsetzen. Die Energiewende in Bürgerhand ist in Gefahr. Die vier großen Energiekonzerne wollen nicht noch mehr Marktanteile verlieren – und zugleich so lange wie möglich an konventionellen Energien und den zentralistischen Strukturen mit großen Kraftwerken festhalten, bzw. in Zukunft allein am Kuchen des Zukunftsmarkts Erneuerbare Energien mitverdienen.

Die augenblicklichen Koalitionsgespräche sind laut lobbycontrol ein „Lehrstück dafür, wie sich im Lobbyerfolg gesellschaftliche Machtungleichgewichte widerspiegeln. Hier spielt Geld eine große Rolle – nur die finanzkräftigen Verbände und Unternehmen können einen großen Stab an Experten beschäftigen, die das nötige Fachwissen haben, um Details der Papiere aus den Koalitionsgesprächen zu kommentieren. Kleinere NGOs oder mittelständische Unternehmen haben hier ein Nachsehen.“

Es stimmt auch bedenklich, wenn ein Lobbyist der Kraftwerksbranche im Rahmen der Koalitionsverhandlungen witzelt „Frau Kraft macht gerade meinen Job“. Und es stimmt noch bedenklicher, wenn man erfährt, dass Zeile 259 des Koalitionsvertrages auf Drängen der Chefs von RWE und E.on, Peter Terium und Johannes Teyssen, in den Vertragsentwurf vom 11. November gekommen ist.

Die Bürger und die sich überall gründenden Energiegenossenschaften haben keine Lobby.

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Tina Ternus ist Physikingenieurin, Energiewirtin und Betreiberin des Photovoltaikbüros. Sie ist seit 22 Jahren in der Solarbranche und seit 30 Jahren ehrenamtlich aktiv für eine atomfreie Zukunft und den dezentralen, erneuerbaren Umbau unserer Energieversorgung. Zudem ist Tina Ternus Gründungsmitglied der Energieblogger.

Ein Kommentar

  1. Das Thema Bürgerenergiewende habe ich auch in meinem letzten Blogpost beleuchtet: http://www.divia.de/2013/11/energy/energiewende-von-unten-1-burger-als-stakeholder-und-mitgestalter/ . Allerdings erschien dieser kurz vor Veröffentlichung des Koalitionsvertrages. Dieser droht mit der Drosselung des Ausbaus der erneuerbaren Energien die Energiewende „von unten“ abzuwürgen. Ob es den großen Energieversorgungsunternehmen nun doch noch gelingt, ihre Position auf dem Markt der erneuerbaren Energien nachhaltig zu stärken, bleibt jedoch aufgrund der Dichte an Bürgerenergiegenossenschaften und kommunalen Stadtwerken mehr als fraglich.

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